19 Juli 2007

- ist hier noch frei?
ich sehe von meiner zeitung hoch und nicke der frau zu. sie rückt hektisch zwei stühle in position, auf dem einen setzt sie ihre monstergroße handtasche ab, auf dem anderen sich selbst. dann nimmt sie ihre tasche vom stuhl auf den schoß und fängt an, darin herumzukramen. ich sehe ihr über den zeitungsrand dabei zu und stelle mir vor, wie sie gleich in die tasche fallen und von ihr verschluckt werden wird. sie findet endlich, was sie sucht und legt eine schachtel “eve 120” auf den caféhaustisch.
nuttenstengel, denke ich amüsiert, so hatten wir die genannt, früher.
dann fischt sie noch ihr mobiltelefon heraus und beginnt auf den tasten herumzuklicken.
ich mustere die frau heimlich ab. ich schätze sie auf mitte vierzig, vielleicht jünger, vielleicht älter, sehr zurechtgemacht, alles an ihr wirkt zu laut, zu viel, zu übertrieben.
die kellnerin kommt, die frau bestellt koffeinfreien latte und orangensaft, nein, direktsaft, nicht frisch gepresst.ihr herablassender herrscherton gefällt mir nicht. ich kann leute nicht leiden, die mit servicemitarbeitern sprechen, als hätten sie mit dem erwerb einer tasse kaffee einen persönlichen leibeigenen dazu gekauft, vor allem, wenn die kellnerin in schwarz-weißer dienstkleidung inklusive bretthart gestärktes schürzchen vor den bauch gebunden bedient.
die frau nimmt eine der blümchenmuster-zigaretten aus ihrer schachtel, dann wühlt sie erneut in ihrer tasche.
anscheinend kann sie ihr feuerzeug nicht finden. ich reiche ihr meins.
sie bedankt sich und raucht.
- ich bin s.r., stellt sie sich vor. ich denke, wie nett und verrate ihr meinen namen. mein name komme ihr bekannt vor, ob wir uns irgendwoher kennen. ich denke nicht. ich will auch eigentlich keine unterhaltung, bin eher auf der flucht vor noch mehr wortabfall, deshalb verschnaufe ich in diesem alte tanten und touristen- café, in dem ich garantiert niemanden erwarte, mit dem ich bekannt bin.
sie wiederholt ihren namen,
- die schauspielerin, fügt sie hinzu und sieht mich hoffnungsfroh an.
frau r. ist sichtlich geknickt. nein, tut mir leid, ich kenne sie nicht.
auch nachdem sie nun eifrig davon berichtet, dass sie in dem film, der abends im rahmen der open-air-kino-veranstaltung im stadtpark aufgeführt werden soll, eine rolle spielt, will sich keine begeisterung breitmachen in meinem gesicht. sie setzt nach und erzählt, dass sie auch schon mal im tatort mitgespielt hat. ich sehe sie an und denke: wahrscheinlich nicht als leiche, da müsste man sich ja still verhalten. vergebens, bei mir will kein groschen fallen, ich breche nicht in jubel aus. kein: na, wie interessant, wow, erzähl doch mal, klingt irre aufregend...stattdessen die ganz langweilige höfliche frage, ob sie von hier komme oder etwa extra für den heutigen abend gebucht und angereist sei. ja doch, sie sei hier geboren und aufgewachsen, dann aber nach berlin gegangen, wo sie nun lebt und arbeitet.
ungefragt erzählt sie noch ein bisschen was über ihr rasend spannendes dasein, die tollen und berühmten menschen, mit denen sie schon mal drehen durfte, aber ich merke, dass sie bald resignieren wird, weil ich mich nicht gebührend begeistere für die wahnsinnig spektakuläre situation, mit einer waschechten filmdarstellerin an einem caféhaustisch plaudern zu dürfen.
fast tut sie mir leid und um sie zu trösten, sage ich:
- ist doch nicht schlimm. ich habe keine sehr ausgeprägte mattscheibenwahrnehmung. ich kann auch eine stunde lang einen brad pitt-film sehen, ohne ihn zu erkennen.
- aber den kennt doch jeder!
- vielleicht gerade deshalb. das macht ihn so fad und unattraktiv, da schau ich gar nicht erst hin.
wen ich denn nicht langweilig und unattraktiv fände, will sie plötzlich von mir wissen.
ich überlege und erzähle ihr dann von der begegnung, als ich mal maureen tucker in schiphol abgeholt hatte und sie nicht, wie eigentlich vorgesehen, in ihr hotel brachte, sondern wir den nachmittag stahlen,draußen an javakade entspannt die füße ins wasser steckten und billigen rotwein tranken, bevor ein taxi sie dann viel zu spät zum soundcheck in den club brachte, weil wir beide schon angezwitschert waren, wir die zeit vergessen hatten und ich den karren nicht mehr fahren konnte.
und dass das überspannte, schon vor dem aufstehen zugespeedete arschloch von agenturchef mich danach natürlich fristlos gefeuert hatte, was ich aber nicht schlimm fand, weil die hohlbirnigen überdrehten spinner, für die ich normalerweise die cateringlisten abackern durfte, mir sowieso zunehmend auf die nerven gegangen waren.
frau r. glotzt mich verständnislos an.
- maureen tucker? wer ist das denn? muss man die kennen?
- nein, muss man nicht. aber bei solchen ladies kann man sehr schön eine lektion in understatement und bescheidenheit lernen,
erwidere ich, zahle meinen kaffee, wünsche madame noch toitoitoi für ihre hoffentlich weiterhin glänzende zukunft und gehe.

2 Kommentare:

mq hat gesagt…

Unsere D-Promis haben es nicht leicht in ihrem goldenen Käfig. Da greift man schnell zu harten Drogen wie eve 120.

handgetan im linsenhaus hat gesagt…

"...sie rauchen Milde Sorte, denn das Leben ist schon hart genug..."