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Das Mutter-Teresa Syndrom
Ich bin bei Sylvie zum Essen eingeladen. Am Telefon hat sie angedeutet, dass sie einen neuen Freund hat, den ich nun wohl kennenlernen soll. Der Freund ist mir fast egal, aber Sylvie ist eine wirklich grandiose Köchin und außerdem mag ich Sylvie gerne.
Sie ist, was man wohl landläufig als ein nettes Mädchen bezeichnet: nicht unterdurchschnittlich intelligent, geschmackvoll und stilsicher in der Wahl ihrer äußeren Erscheinung, solide, aber nicht bieder in ihren Ansichten, fröhliches und sonniges Gemüt, nicht nachtragend oder über die Maßen kompliziert.
Pünktlich zur angegebenen Uhrzeit klingele ich an ihrer Tür und nach herzlicher Begrüßung und Überreichung des obligatorischen Sträußchens Frühlingsblumen führt sie mich in in ihr hübsch eingerichtetes Wohnzimmer. Auf dem Sofa, vor dem TV, mit den Füßen auf dem Tisch, lungert Sylvies neuer Herzkönig. “Das ist Ritchie”, stellt sie mir mit strahlenden Augen den dunklen Klumpen auf der hellen Couch vor. Ich begrüße Ritchie und stelle mich meinerseits vor, er wendet kurz die Augen von der Mattscheibe und hebt eine Hand zum Gruß.
“Bringst du mir noch ein Bier?”, fragt er noch, dann konzentriert sich sein ganzes Wesen wieder auf das Geschehen in der Glotze.
Ich mustere Ritchie unverhohlen, registriere das schmuddelige Mother Love Bone-Tshirt, die schwarze speckige Schnürlederhose, entdecke auf dem linken Unterarm eine schlecht gestochene Tätowierung, wahrscheinlich eine Jugendsünde, mit dem Zirkel und Geha-Tinte gestochen in einer besonders langweiligen Mathestunde, denke ich. Die Haare erinnern eher an einen in den frühen Achzigern ausgemusterten Flokati als an eine Frisur, alles in allem macht er den Eindruck eines bemitleidenswerten streunenden ausgehungerten Katers, dem man ein Schälchen Milch auf die Terasse stellt und der sich nun auf Sylvies Sofa von den Strapazen der Straße erholen darf.
Sylvie läuft fast in Richtung Küche. Ich folge ihr und gucke schon mal neugierig in Töpfe und in den Backofen, aus dem es verführerisch duftet, während sie ihrem Pflegefall das angeforderte Bier bringt. Als sie zurückkommt, helfe ich ihr bei diesen und jenen letzten Handgriffen beim Kochen.
- Und, was sagst du?, fragt sie mich.
- Wo hast du den denn wieder aufgelesen?
- Ich habe Ritchie beim Trampen mitgenommen. Wir haben uns ein bisschen unterhalten und naja, es hat sofort gefunkt zwischen uns.
- Aha, sage ich nur.
- Weißt du, Ritchie hat es nicht einfach gehabt in letzter Zeit. Er hat seinen Führerschein verloren und kurz darauf seinen Job und dann musste er auch noch in seiner Wg ausziehen. Er stand quasi auf der Straße.
- Da hast du ihn gleich mal mitgenommen und jetzt kümmerst du dich um ihn und päppelst ihn auf? Ich bin total gerührt.
- Dein Ton gefällt mir nicht.
- Mensch Sylvie, es ist immer die gleiche Geschichte; du liest diese jammerhaften Kreaturen irgendwo auf, dann bringst du sie zu dir nach hause, fütterst sie, umsorgst sie, gibst ihnen dein Geld und deine Liebe und wenn sie gemästet und bei Kräften sind und sich wieder stabil fühlen, machen sie sich davon, weil sie ein cooles Kätzchen gefunden haben, dass sie nicht die ganze Zeit bemuttert und nervig betuttelt und du sitzt wochenlang rum und gegen dein Geheule sind Wolkenbrüche Kleinigkeiten, bis du die nächste Bratbirne aus der Gosse retten darfst. Kapier ich nicht. Du bist doch sonst nicht so blöd.
- Du bist ungerecht. Mit Ritchie ist das alles ganz anders. Er bemüht sich doch.
- Wobei? Beim Kühlschrank leer fressen und Bier trinken? Schade, dass der letzte Spinner schon deinen Bausparvertrag durchgebracht hat...aber du hast Recht, ich bin ungerecht und voreingenommen und das war gemein. Was hat er denn vor, dein Ritchie?
Anscheinend hatte Ritchie einen echten Plan, nämlich sich von seinem Kuschelplatz auf der Couch zu erheben und mal zu sehen, was wir Mädels in der Küche treiben, denn plötzlich steht Sylvies Ritchie in der Tür. Natürlich hat er meinen letzten Satz gehört und kurz darauf hält er mir einen sehr ausgiebigen und vor allem sehr lauten Vortrag über diesen kapitalistischen und ausbeuterischen Schweine- und Bullenstaat, der allein die Schuld daran trägt, dass er immer nur Pech hatte im Leben und dass wir Weiber sowieso immer nur wollen, dass die Typen die Kohle ranschaffen, damit wir bequem unseren Arsch auf die Couch setzen und Kataloge blättern können. Und dass er das System aber komplett gecheckt hat und da ganz bestimmt nicht weiter mitspielen wird.
- Musst du ja auch gar nicht, Ritchie. Hey hey my my, Mutter Teresa will never die, antworte ich ihm tröstend.
Dann muss ich leider gehen, denn mit so einer blöden Schnalle wie mir will Ritchie nicht zusammen essen. Das sehe ich durchaus ein.
Schade um die schöne Lasagne.
Schade um Sylvie. Ich werde wie immer Taschentücher und Schokolade in Klinikpackungen bereit halten, die Ritchies und Ronnys und Djangos werden kommen und gehen, ich werde bleiben und Tränen trocknen.







